Welcome to Korea

November 19th, 2011

Mittwoch, 8.November, letzte Vorbereitungen

Ich musste nicht ins Büro, das war schon mal gut. Nachdem mein Flug erst am frühen Nachmittag ging, hatte ich gefühlt noch massig Zeit für’s Aufstehen, Frühstücken, Packen, zwischendurch bei einer Zigarette jammern, dass es mir vor der Reise graust (Stichwort: Nichtraucherflüge), Duschen, mein Auto in die Werkstatt bringen. Irgendetwas machte mich beim Thema “Packen” unruhig. Ich richtete schon mal meine Klamotten-Häufchen her, die langsam zu imposanten Haufen anwuchsen. Schließlich hatte man mir empfindliche Minusgrade am Zielort angekündigt. Als ich meinen Trolly vom Schrank holte, wusste ich woher das ungute Gefühl kam – die Sachen passten auch unter Gewaltanwendung nicht in das vorgesehene Behältnis. Von den zu erwartenden Einkäufen in Korea ganz zu schweigen. Ein neuer Koffer musste her. Das passte gar nicht in den Zeitplan. Leichte Panik brach aus. Ich stürmte aus der Wohnung und Richtung Kaufhof, fand auch gleich die Kofferabteilung und wusste nicht, was mich mehr erschrecken sollte. Die mickrige Auswahl oder die horrenden Preise. Schon kamen mir Zweifel, ob der bevorstehenden Anschaffung. Ob ich das Zeug nicht doch in den Trolly gestopft bekomme? Wenn ich einfach keine Geschenke in Korea kaufe? Beides eher unwahrscheinlich. Die Zeit läuft mir davon, ich brauche einen Koffer, die Zeit läuft mir davon, ich brauche… Dieses Mantra, wenn auch nicht gerade positiv behaftet, half mir durch die Krise. Ich räumte einen Koffer nach dem anderen aus der Auslage, machte ihn auf, verglich, machte ihn zu, schaute ihn an, machte ihn wieder auf, sah den Preis, heulte fast, sang in Gedanken mein Mantra, schaute auf die Uhr und in Augenpaare von Passanten, die mich offensichtlich gerade als leicht schwachsinnig einstuften, rupfte die nächsten Koffer auseinander und traf endlich meine Wahl. Er war PINK, na und? Wenigstens würde ich ihn auf dem Gepäckband gleich identifizieren können. Dazu muss man wissen, dass ich beim Einkauf jeglicher Konsumgüter immer Argumente brauche, die mich wirklich überzeugen. Beispielsweise: der/die/das ist ein Markenprodukt, das hält länger oder den/die/das brauche ich wirklich, weil dies und jenes und überhaupt. Das kann zuweilen schon recht lange dauern, doch dafür war keine Zeit. Dass mein Kaufhof um die Ecke gerade umbaute und nur eine der beiden Kassen im Erdgeschoss besetzt war, trug nicht dazu bei, meine Laune ob der nicht 100 Prozent verargumentierten Kaufabsicht, zu steigern. Als ich die Schlange vor besagtem Counter sah, stieg wieder Panik in mir hoch. Ich stellte mich also demonstrativ an die unbesetzte Kasse und legte meine beste Kunde-ist-König-Grimasse auf, untermalt von wildem Ich-kann-es-nicht-fassen-Gestikulieren und auffälligem Stöhnen. Das zeigte Wirkung. Ein Service-Mitarbeiter eilte heran und fragte, was mein Anliegen sei. Das war ja wohl offensichtlich! Ich stehe an der Kasse, möchte mein sauerverdientes Geld loswerden und niemand ist da, um es entgegenzunehmen. Seinen kläglichen Versuch, mich an die offene Kasse zu schicken, habe ich mit meinem Ganz-sicher-nicht-mein-Freund-Blick im Keim erstickt. Ehrlich gesagt, mag ich diese herablassende Art nicht, aber ich hatte keine Wahl. Ich musste den Arschloch-Kunden mimen. Plötzlich rannte er davon, um kurz darauf mit einem Walkie-Talkie zurück zu kehren, in das er irgendwelche Anweisungen nuschelte. Vermutlich war auch die Anmerkung dabei, dass es sich bei der wartenden Person um einen AK (Arschlochkunden) handelt. Einige Minuten später schlurfte eine offenbar demotivierte Aushilfskassiererin auf mich zu mit der sinnlosen Frage “Möchten Sie zahlen?”. Nö, ich steh hier nur so rum und überwache die Umbauarbeiten. Sie brauchte mehrere Anläufe beim Einscannen und auch bei der Anwendung meiner Kreditkarte. Beides mit einer Mischung aus Resigniertheit und aufflammender Verzweiflung. Nach weiteren wertvollen Minuten, die ich eigentlich nicht hatte, war es dann vollbracht und sie klebte mir sichtlich stolz den Aufkleber “Vielen Dank für Ihren Einkauf” auf mein Köfferchen. Während ich mit meinem pinken Reisebegleiter aus dem Laden eilte, fragte ich mich noch kurz, ob ich nicht doch besser Kasse 1 gewählt hätte. Dass ich mit einem leeren Koffer in der Werkstatt einlief und offenbar 1 Tag zu früh dran war – was ich vehement bestritt – sei nur nebenbei erwähnt und hiermit erledigt. Jedenfalls brachte ich nun sämtliche Klamotten wunderbar unter und hatte noch Platz für die halbe Wohnungseinrichtung. So begab ich mich leicht verspätet – was übrigens die ungeschriebene Regel ist – zum Flughafen, dem Ausgangspunkt meiner abenteuerlichen Reise.

Mittwoch, 8.November, es geht los

Aufgrund meines Jobs bin ich viel unterwegs und meistens mit dem Flugzeug. Der Umstand, dass ich zunächst von München nach Frankfurt flog, war also keine Besonderheit. Sieht man davon ab, dass ich mir von 3 unabhängigen Stellen bestätigen ließ, dass mein Gepäck auch wirklich durchgecheckt wurde und ich in fremden Landen nicht ohne Unterhosen, Wollmütze (es sollte ja sehr kalt werden) und Zahnbürste dastand. Davon abgesehen, dass mein niegelnagelneuer pinker Koffer dann herrenlos in Frankfurt weilte. Nach so einem harten Kampf, hatte ich schnell eine persönliche Beziehung zu diesem Gepäckstück aufgebaut. In Frankfurt angekommen, stieg die Spannung dann doch auf ein beachtliches Maß. So weit war ich bisher noch nie gereist – schon gar nicht ohne Zigarettenkonsum. Wer mich kennt, weiss, wie impulsiv ich normalerweise auf all die schillernden und begehrenswerten Flughafenwaren reagiere. Also erwähne ich nicht ohne Stolz, dass ich mich trotz der knapp 3 Stunden Zwischenstopp sämtlicher Kaufreize erwehrte und mich lediglich mit einer Stange Kippen ausstattete. Nicht ohne schlechtes Gewissen, schließlich bestand eine klitzekleine Chance, dass ich mit dem Rauchen aufhörte, wenn ich schon die zehn Stunden Flug ohne Qualm aushalten musste. Ein Schnellentzug quasi. Hat nicht geklappt, soviel dazu. Ok, der hübsche kleine Silberring wanderte auch in meinen Besitz. Aber da ich mir dank Duty-Free einiges gespart hatte, hat das Kleinod nach Abzug des Normalpreises nur schlappe 10 EUR gekostet. Ein hieb- und stichfest verargumentiertes Schnäppchen, bei dem ich schwach wurde. Nach der Security trennte sich übrigens die Spreu (Business-Reisende und Pauschaltouristen) vom Weizen (ich und ein paar Asiaten). Ich stolzierte den langen Flur entlang mit einem aufgesetzten Mach-ich-mehrmals-wöchentlich-Blick, damit keiner merkte, wie ich mich plötzlich beim Betrachten der Abflugtafel (Seoul-Incheon Gate 24, wie geil wuuaaahhhaaa) auf die Reise freute. Die 3 Fotos, die ich von der Anzeige machte waren nicht ganz stimmig mit der restlichen Performance, egal. Die Gangway führte mich in den riesigen Bauch der Boeing 747. Ich konnte mich gerade noch zusammenreissen, nicht anzuhalten und auch noch meinen Einstieg via Kamera zu dokumentieren. Was für ein Anblick! Zweierreihen mit riesigen ausfahrbaren Sitzen. Dazu jeweils ein kleiner Fernseher und ein Beistelltischchen für die Mahlzeiten, herrlich, so lässt es sich reisen! Dachten sich wohl auch die Flüggäste der First-Class, denn einige Meter und Sitzplatznummern weiter (hätte mir ja denken können, dass 36D nicht vorne im Flugzeug ist, aber die Hoffnung stirbt zuletzt) betrat ich die Economy-Class und war mehr als geschockt. Ich hatte Äonen von Reisestunden vor mir und sollte mich in diese engen Ich-flieg-mal-schnell-von-Frankfurt-nach-Hamburg-Sitze quetschen?! In Trance (kennt man ja nach einem Schock) verstaute ich mein Handgepäck mit viel Kreativität und dank jahrelangem Tetris-Spielens in den Gepäckfächern, um mich anschließend in meinen Micrositz zu pfriemeln. Mein Sitznachbar muss meine Enttäuschung bemerkt haben und tröstete mich mit einem schwachen “Wird schon werden”. Er war ausgeklappt ungefähr 1,90, also wollte ich nicht zu wehleidig erscheinen und presste mein den Umständen entsprechend fröhlichstes “Ganz bestimmt” heraus. Kurz darauf rollten wir zur Startbahn.

Mittwoch, 8.November, über den Wolken

Auch wenn die Sitze quälend eng waren und auch sonst kein Langstrecken-Luxus erkennbar, so hatte man doch zumindest an die mediale Bespaßung der Economy-Classler gedacht. An der Rückenlehne meines Vordermanns war ein kleiner Bildschirm montiert, der ein erstaunliches Repertoire an Filmen, Serien und Musikalben offenbarte. Meine Wahl fiel auf “Green Lantern”, weil Blake Lively und Ryan Reynolds die Hauptrollen besetzen. Als begeisterte InTouch-Leserin wusste ich, dass sich die beiden am Set ineinander verliebt hatten und ich wollte sehen, ob sich schon erste Andeutungen beim Dreh erkennen ließen. Die Story war absehbar, die Action ganz in Ordnung, Blake Lively wunderschön wie immer und der Waschbrettbauch von Ryan enorm. Bei weitem nicht der beste Film, den ich bisher gesehen hatte, aber wenigstens musste ich nicht heulen. Das ruft unangenehme Erinnerungen an einen Flug nach Gran Canaria wach, bei dem sie so einen Hundefilm zeigten, ein Drama natürlich mit süßer Wuffi stirbt langsam aber sicher (und das 2 Stunden lang) und Zuschauer (also ich)flennt ununterbrochen und kann überhaupt nicht mehr aufhören. Gott sei Dank hatte ich meinen Strohhut auf, allerdings waren die Geräusche, die ich von mir gab eindeutig. Wie peinlich. Jedenfalls hatte mir die grüne Laterne die Zeit bis zum Abendessen vertrieben, das wirklich nicht schlecht war. Ich entschied mich gegen die koreanische Variante und für die Poulardenbrust. Allerdings ließ sich Lufthansa nicht nehmen, auch ein Päckchen Kimchi beizulegen. Dabei handelt es sich um eine unheilvolle Mischung aus Chinakohl und Chili oder vielmehr Chili mit Spuren von Chinakohl, wie ich später feststellte. Ich weiß, dass ich nach meinem Verlust der Gallenblase keinen Kohl essen soll, aber mein Sitznachbar schlang das Kimchi mit solch einer Begeisterung in sich rein, dass ich nicht als Kostverächter dastehen wollte. Also riss ich die Verpackung auf und stocherte vorsichtig ein wenig Kohl heraus. Ich habe ja schon einige scharfe Sachen gegessen, aber DAS war der sprichwörtliche Burner. Das Tütchen Extra-Chili, das der LH-Koch beigelegt hatte, konnte nur purer Hohn sein. Ich brauchte die halbe Poulardenbrust plus Brötchen, um die Flammen zu ersticken. Kimchi steht seit diesem Erlebnis auf Platz 2 der Dinge, die ich meinen Feinden in rauen Mengen in den Magen wünsche. Nur verfaulte Schlachtabfälle sind noch schlimmer. Mittlerweile war es gegen 20:00h deutscher Zeit und ich machte mich an die Auswahl des zweiten Films. Peinlichst bemüht, den Reiter “Drama” und “Liebeskomödie” auszulassen. Ich entschied mich für “Thor” – was für ein Schwachsinn. Ein blonder Testosteron-verseuchter Hauptdarsteller, dessen Namen sich nur die BRAVO merken muss, in Kombination mit der kleinen, süßen wie-war-doch-gleich-noch-mal-ihr-Name, verpackt in einer nicht mitreissenden Story um einen überdimensionalen Hammer. Die ersten 30 Minuten packender Handlung versetzten mich zumindest in einen schlafähnlichen Zustand, der jedoch nach kurzer Zeit von eindringlichen Gerüchen unterbrochen wurde. Offenbar hatte das Kimchi und Bulgogi (fast so schlimm wie Kimchi und in der Darreichung sogar noch übler) den Verdauungstrakt meiner Mitreisenden erreicht. Ich wartete gespannt darauf, dass die Sauerstoffmasken aus den Deckenklappen herauspurzeln, aber mein heimlicher Wunsch wurde nicht erhört. Also steuerte ich zum Luftholen in Richtung Toiletten, und das will schon was heissen. Überraschenderweise verfügte das Flugzeug über ein Unterdeck, wo sich Waschräume und ein wenig Zusatzplatz zum Füßevertreten befanden. Dort hielt ich mich auch eine Weile auf, obwohl mein Nachbar denken konnte, dass ich wohl aufgrund meiner recht langen Abwesenheit Verdauungsprobleme hatte. Motiviert durch die angenehm “frische” Luft, machte ich gleich noch ein paar Dehnübungen, was von einigen Asiaten skeptisch beäugt wurde. Hallo? Schließlich machen alle Schlitzaugen (und das meine ich nicht böse) ständig und überall Tai-Chi und Qi-Gong und so Kram, was gab es da also zu glotzen? Offensichtlich unbeeindruckt streckte und dehnte ich mich noch ein wenig länger und steuerte wieder Richtung Oberdeck. Dort traf ich dann auf eine Gruppe ziemlich angetrunkener Deutscher, die die Stewardess gerade lautstark in die Schranken wiesen, sie möge sie hier nicht so anschreien, schließlich wollen die anderen Fluggäste schlafen. Plärr. Ich hatte Mühe, mich an dem Pulk vorbeizuquetschen, nicht ohne den Rudelführer mit einem verächtlichen Blick zu strafen. Langsam war ich von der Reisesituatiion etwas genervt und spürte den ersten Anflug des Nikotin-Entzugs. Als mir das Informationssystem auch noch offenbarte, dass noch etwas mehr als 6 Stunden Flugzeit vor mir lagen, wollte ich schon auf Plan B zurückgreifen. Plan A ließ sich nicht umsetzen, da ich vergessen hatte, mir am Flughafen eine elektrische Zigarette zu kaufen. Plan B sah die Lektüre von “Endlich Nichtraucher!” vor, wenn es sein musste, auch mehrmals – das Buch ist recht dünn. Stattdessen schnappte ich mir die Bildzeitung und las angestrengt jeden noch so sinnlosen Fitzel Beitrag, womit ich erfolgreich eine weitere Stunde Flug überbrückte. Dass ich danach noch einen Schlafversuch startete und von meinem eigenen Gesabbere erschrocken aufwachte, will ich hier lieber nicht erwähnen. Das wäre nun wirklich zu peinlich. Die restlichen Stunden verbrachte ich mit dem Anstarren der Flugroute (Russland ist meines Erachtens viel zu groß und daher echt demotivierend, wenn man darüberfliegt), der halbherzigen Lektüre meines Zweitbuches (hat knapp 1.300 Seiten – auch demotivierend), unruhigem Dösen bei hermetischer Abriegelung des Gesichtbereichs und Anstarren der Flugroute – ach, das hatte ich ja schon erwähnt. Schließlich und nach nicht mehr enden wollender Flugzeit, kam dann die erlösende Durchsage, dass wir uns im Anflug auf Seoul befinden. Ich dachte noch besorgt, dass es nun 12:00h mittags nach koreanischer Zeit war und ich quasi durchgemacht hatte, da waren wir auch schon am Boden und rollten meiner Meinung nach viel zu schnell Richtung Gate. Aber das nur so nebenbei.

Oktoberfest – auf texanisch

September 21st, 2011

Es reicht schon, im “Austragungsort” zu wohnen. Du musst nicht mal mit der U-Bahn fahren. Oder in der City unterwegs sein. Du spürst, dass sie da sind. All die Feierwütigen. Einheimische und Zugereiste. Sie kommen aus Ländern, die man in einem Leben gar nicht alle bereisen kann. Was reizt sie, hierher zu kommen? Das schale, überteuerte Bier? Die Chance auf einen Nasenbruch durch Vollkontaktmasskrugfights? Einmal vollgekotzt zwischen den anderen Übriggebliebenen unter der Bavaria zu liegen? Oder sind es doch die “einzigartigen” Fahrgeschäfte, die es gefühlt garantiert nirgendwo sonst auf der Welt gibt? Was macht die “Wies’n” so reizvoll? Und was kommt danach? Wenn man feststellt, dass all die “original deutschen” Eindrücke ein Heidengeld gekostet haben, man noch mindestens 1 Woche braucht, um sich von inneren und äusseren Blessuren zu erholen und immer noch keine Ahnung hat, was auf dem Lebkuchenherz steht, dass einem eine dralle, aber resigniert lächelnde Zeltverkäuferin für schlappe 25 EUR angedreht hat. Muss ich das verstehen?

Man stelle sich nur vor, ich setze mich in den Flieger nach Austin, Texas. Nach einem erschöpfend langen Flug checke ich in einer völlig überteuerten Touri-Kaschemme ein, wo sich die Bettwanzen noch liebevoll ein “Gute Nacht” zuflüstern. Um runter zu kommen, hole ich mir 1-5 “Bud Light” am Getränkeautomaten auf dem Flur, wo mir andere lustige Touristen begegnen – voller Vorfreude auf das alljährliche und weltberühmte Scheunen-Rodeo. Am nächsten Morgen – oder ist es Abend oder wie – wache ich zum ersten Mal verkatert auf. Ich trinke original texanischen Kaffee und starte erfrischt in die City. Ich steuere den nächstbesten Klamottenladen an und kaufe mir einen horrend teueren Cowboyhut. Schließlich bin ich in Amerika und jeder ordentliche Amerikaner trägt bekanntlich einen Viehtreiberdeckel. Die passenden Stiefel samt klirrender Sporen nehme ich auch gleich mit – die VISA-Card wird’s schon richten. Um mich besser zu integrieren, ziehe ich beides gleich an und stolziere damit in den nächsten Burgerladen. Ich bestelle mir einen doppelten Cheeseburger mit Speck und Zwiebeln – das amerikanische Nationalgericht, wie mich die freundliche Thekenkraft ungefragt wissen lässt. Auf soviel gesunde Kost brauche ich erst mal 2 “Bud Light”. Lecker, schon geht’s mit besser. Nach einem kleinen Rundgang durch das Viertel, kehre ich wieder in mein Hostel zurück und laufe direkt meinen Zimmernachbarn in die Hände. Sie kommen aus Queens, NY, und sind echt “happy” mal in Texas Urlaub machen zu können. Die Scheunensause wäre total “awesome” und man freue sich schon auf das Rodeo – sieht man ja nicht alle Tage. Ich freue mich mit und wundere mich nur ein wenig, dass sie weder Hut noch Stiefel tragen – und das, obwohl sie doch Amerikaner sind. Als ich abends in Richtung Festivität wackle – leicht benebelt von 2 weiteren “Bud Light” – bekomme ich es kurz mit der Angst zu tun angesichts der Menschenmengen, die sich in Richtung der Hauptscheune walzen. Bald finde ich mich mitten in diesem Trubel wieder. Eine flotte Country-Band spielt offenbar sehr beliebte Lieder auf. Mein gesamtes Umfeld verfällt der fröhlichen Musik und grölt unisono die Textzeilen heraus, als gäbe es kein Morgen. Einige tanzen, einige turteln (denn Knutschen in der Öffentlichkeit ist ja in Amerika untersagt, wie jeder weiss), andere wippen gedankenverloren im Takt. Aber sie haben eines gemeinsam: keiner ist mehr wirklich nüchtern. Da ich niemanden zum Turteln (oder Schlimmeres, Verbotenes) habe, schunkle ich mit. Schließlich kenne ich die Lieder nicht. Ist ja auch egal. Mir ist ein wenig fad, daher bestelle ich mir solange Bier, bis mich die Euphorie ebenso packt, wie die beiden Typen gegenüber. Ich erkläre sie zu meinen Buddys, denn sie tragen ebenso schicke Cowboy-Hüte wie ich. Moment mal, wo ist meiner eigentlich? Ich spüre kurzzeitig rasende Wut aufkommen, jedoch schnell gedämpft durch den Tequila, den mir mein Tischnachbar ausgegeben hat – oder waren es 3? Ich muss auf’s Klo. In der Hoffnung, nach erfolgreicher Mission wieder meinen Tisch zu finden, klappere ich bespornt los. Soviele Menschen um mich herum, laut ist es, wo muss ich lang? Dank umfassender Englisch-Kenntnisse habe ich mich rasch durchgefragt und stehe nun endlich in der Klo-Schlange. Neben mir würgt ein Mädel auffällig. Gerade als ich mich davon überzeugen will, was ich bereits annehme, trifft ein Schwall halbverdauter Burger in Biereinlage meine niegelnagelneuen Boots. Wäre ich nüchtern, würde ich empört nach den Daten der Schadensverursacherin fragen und schon mal eine saftige Rechnung ankündigen – in der Hoffnung, die Dame ist ordentlich haftpflichtversichert. Aber ich muss dringend auf’s Klo, verstehen würde mich die Gutste ohnehin nicht mehr und mit ein paar Strohbüscheln lässt sich das Schlimmste bestimmt wegwischen. Hey, so “easy take” ich derartige Unfälle sonst nicht, aber ich bin gut drauf – glaube ich – und überhaupt muss ich pissen wie ein Stier. A propos, wo sollte das Rodeo gleich nochmal stattfinden? Meinen Tisch samt Buddys habe ich aus den Augen verloren. Egal, ich finde neue, mir geht’s gut – von der leichten Übelkeit abgesehen. Wahrscheinlich habe ich nur Hunger. Ich wackle aus der Scheune raus und peile das nächste Fressbüdchen an. Hm, Steaks, genau das, was ich jetzt brauche. Dass ich soeben 12 USD für ein Brötchen mit einem Stück Schuhsohle gezahlt habe, wundert mich nicht. Schließlich ist das bestimmt original texanisches Qualitätsrind. Dass es zäh ist, kommt mir wohl nur so vor, gehört bestimmt so. Egal, die Barbecue-Soße ist dafür der Hammer. Ich schlendere der Masse hinterher und finde mich überrascht in einer Art Manege wieder. Hey, ich hab das Rodeo gefunden “awesome”. Um mich herum wird laut geschrien und gejubelt. Ich sehe hochrote Köpfe und schneeweisse Zahnreihen. Alle Amis haben so tolle Zähne, vor allem die Filmstars, ich bin etwas neidisch. Irgendwie kommt mir der Burger ein wenig hoch, also hole ich mir noch ein Bier zum runterspülen. In der Arena läuft gerade ein offenbar wild gewordener Hengst ein. Der Typ, der ihn an den Zügeln hält, hat alle Hände voll zu tun. Er bäumt sich auf und rollt wild mit den Augen – ungefähr so, wie mein neuer Buddy neben mir. “Jetzt kommt der beste Teil”, meint er ganz verzückt zu mir: Publikums-Rodeo. Ob man dazu nicht ein guter Reiter sein müsse, frage ich zurück. “Ja eben das wäre ja das Tolle – keiner muss wirklich reiten können” – aber gut festhalten. Er hätte das selbst schon gemacht und es war “awesome”!!! Der Trupp Kerle neben ihm nickt zustimmend und alle klopfen ihm anerkennend auf die Schulter. Ziemlich beeindruckt stelle ich fest: ich muss auf’s Klo. Während ich etwas erschöpft auf der Schüssel hocke, formt sich im Nebel – der mich schon ziemlich dicht umgibt – ein verwegener Gedanke. Ich will Rodeo reiten. Nicht, dass ich schon jemals auf einem Pferd gesessen hätte – die machen mir eigentlich eher Angst. Aber ich will was typisch amerikanisches machen, wenn ich schon mal hier bin. Bier trinken und Burger essen kann ja jeder. Aber ich bin nicht Jeder, daher nehme ich die Challenge an, fett! Mit gestählter Brust torkle ich zum Schalter für die Anmeldungen und muss feststellen, dass sich ausser mir offenbar keiner traut. Ich bin ganz allein. Memmen! Ich tausche einen 50-Dollar-Schein gegen die Startnummer 3 und das Kischee-Girlie hinter dem Tresen schickt mich in Richtung eines Typs, der aus einem John Wayne Western gestiegen sein muss. “Howdie” schmettert er mir entgegen, “Howdie” lalle ich zurück. Irgendwie ist mir jetzt doch leicht mulmig. Oder habe ich das letzte Bier nur nicht vertragen? Keine Zeit für einen Rückzieher. Ehe ich überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen kann –  ausser schierer Panik, die beim Anblick dieses Riesenviehs aufkeimt – hat mich der Typ auch schon in den Sattel gehievt. Der Arena-Sprecher jault lautstark etwas in sein Mikro und schon geht das Tor vor mir auf und das Ungetüm galoppiert los. “Awesome” plärrt John Wayne noch hinter mir und dann dreht sich auch schon alles. Grelle Lichter sausen an mir vorbei, könnten Kameras sein. Ich sehe weisse Zähne und rote Köpfe. Alle schreien, ich mit. Ich bin mir sicher, dass ich heute sterben werde. Das Pferd wirbelt mit mir in alle Himmelsrichtungen. Verzweifelt kralle ich mich am Sattelhorn fest, habe komplett die Orientirung verloren. Rauf, runter, links rechts und nochmal rauf – die Fliehkräfte wirken. Ich rutsch aus dem Sattel und der mit Stroh ausgelegte Boden rast auf mich zu. Ich presse noch ein “Fuck”heraus und dann ist es plötzlich dunkel und still.

“Hello, can you hear me…HELLO?!”. Jemand oder Etwas zupft ungeduldig an mir. Ich will die Augen nicht aufmachen, ich will schlafen. Das ist die beste Medizin, wenn man sich nicht gut fühlt. Und ich fühle mich durch und durch gar nicht gut. “HELLO??? Can you hear me?” – ja verdammt! Ich öffne die Augen und sehe verschwommen in ein pausbäckiges Frauen-Gesicht, das ich nicht kenne. Es ist hell, viel zu hell. Ich will nicht sprechen, ich will heim. Ich werde leicht weinerlich, spüre eine gewisse Verzweiflung aufkommen. Die Unbekannte erklärt mir, dass ich in der Notaufnahme in ??? gelandet bin. Zwei Rippen wären geprellt, aber da könne man jetzt nichts machen, ausser viel liegen und Ruhe geben. Zudem hätte ich eine mords Beule an der Stirn und ein paar recht eindrucksvolle blaue Flecken an Arm und Oberschenkel. Aber in ein paar Tagen, wäre das wieder “ok”. Wegen der Versicherung müsse ich mir keine Gedanken machen, sie haben das Kärtchen gefunden. Die Rechnung muss ich aber vor Ort begleichen, ob ich eine VISA-Card hätte. Ich nicke, es tut weh. Wo ich denn wohnen würde? Zu viel Information und zu viele Fragen auf einmal. Ich versuche nachzudenken, aber das will mir nicht so recht gelingen. In meinem Schädel tobt es, ein ganzes Orchester spielt auf. Vor allem die Geigen sind penetrant. Als ich versuche, mich aufzurichten, überkommt mich eine Welle aus Schmerz und Schwindel. Letzterer sorgt dafür, dass ich schlagartig sämtliche Burger, Steaks und gefühlte 28 Bier auskotze. “Wie peinlich” schiesst es mir noch durch den Kopf und schon ergieße ich einen zweiten enormen Strahl texanischer Köstlichkeiten. Ich kann nur hoffen, dass die pausbäckige Schwester das häufiger erlebt, dann ist es nicht ganz so demütigend für mich. Nach einem Becher Wasser beruhigt sich mein Magen – oder das, was von ihm übrig ist – ein wenig und ich kann aufstehen. Verdammt, mir ist immer noch schwummrig. Die Schwester packt mich alles andere als zärtlich unter den Achseln und setzt mich in einen Rollstuhl. Das kenne ich aus dem Fernsehen, nur schauen die Pflegekräfte – vor allem die weiblichen – meist besser aus. Was soll’s, ich will hier eh nur noch raus. Und wenn ich schon nicht auf der Stelle nach Hause kann, dann wenigstens in mein Hostel. Ich sehe erstaunt zu, wie meine Kreditkarte durch ein mobiles Terminal gezogen wird. Mann, sind die Amerikaner modern! Keine Ahnung, was mich der “Spaß” kostet. Ist mir auch gerade wurscht, denn ich merke, wie ich schon wieder fast zu heulen anfange. Bevor ich mich meinem Selbstmitleid mit allen Konsequenzen hingeben kann, schiebt mich die Schwester Gott sei Dank im Eiltempo zum Ausgang, drückt mir meine Entlassungspapiere in die Hand und wünscht mir noch alles Gute. Zumindest bilde ich mir das ein, während sie mir den Rollstuhl unter meinem Allerwertesten wegzieht. Da stehe ich nun schwankend und versuche mich verzweifelt an den Namen des Hostels zu erinnern. Mir ist immer noch ziemlich übel, von den Schmerzen ganz zu schweigen. Auf der anderen Strassenseite steht ein Taxi, der Fahrer winkt mich heran. Er scheint Meilen entfernt, kann der Kerl nicht einfach schnell hier rüber fahren? Offenbar nicht, er fuchtelt immer noch wild in meine Richtung. Also tappse ich los mit meinen vollgekotzten und verstaubten Boots. Ich sehe an mir runter. Das restliche Outfit sieht auch nicht mehr taufrisch aus. Wo ist eigentlich mein Hut? Wenigstens die Tür könnte er mir aufmachen, ist das zu viel verlangt? Scheint so. Ich lasse mich auf die muffige Rückbank fallen und bereue sofort, dass ich mir dafür nicht ordentlich Zeit genommen habe. Meine Rippen scheinen sich gleich durch meinen Brustkorb zu bohren. “Are you drunk?” blafft mich der Taxifahrer an. Wenn es so ist, nimmt er mich nämlich nicht mit. Ich würde ihm unter Umständen alles vollkotzen und dann muss er die Sauerei wegmachen. Darauf hätte er garantiert keinen Bock. Und wer soll die Reinigung überhaupt zahlen? Bevor er sich komplett in Rage redet und meine Heimreise gefährdet ist, krame ich aus meiner Jeans die restlichen 50 Dollar und drücke sie ihm mit einem vielsagenden Blick – zumindest bemühe ich mich darum – in die Hand. Offenbar einigermaßen besänftigt mutmaßt er, dass ich ins “Tailor’s Inn” fahren möchte, womit er, nach kurzem Nachdenken, auch Recht hat. Die Fahrt dauert keine 10 Minuten. Es geht vorbei an johlenden Menschengrüppchen, die offenbar noch in Feierlaune sind. Einem Pärchen, das nicht so guter Laune ist und wild einer Spontan-Trennung entgegen gestikuliert. Einem Typen der zusammengesunken an einer Häuserfront lehnt. Blinkende Lichter, die langsam weniger werden und letztlich erreichen wir endlich mein Hostel. Ich führe noch eine kurze Diskussion, dass ich die Fahrt NICHT extra bezahlen werde oder vielmehr kann, weil ich ihm schon meine letzten Kröten gegeben habe und das sei wohl mehr als genug. Scheinbar gehe ich ihm ausreichend auf den Sack und er lässt mich nach einigen Verwünschungen – habe ich da “fucking tourists” gehört? – ziehen. An der Rezeption überreicht mir eine kopfschüttelnde Alte den Zimmerschlüssel und wünscht mir mit einem verächtlichen Blick eine gute Nacht. Ja, denke ich mir, schlimmer kann sie ohnehin nicht mehr werden. In voller Montur lasse ich mich vorsichtig auf”s Bett sinken, suche mir eine möglichst schmerzarme Schlafposition und dämmere langsam dahin. “Awsome Amerika” denke ich mir noch leicht verbittert, das nächste Mal gehe ich lieber gleich auf’s Oktoberfest.